Ich habe gerade das wahrscheinlich schlechteste selbstverlegte Fachbuch aller Zeiten gelesen. In diesem Buch wurde alles, was man falsch machen kann, falsch gemacht. Wenn Sie eine Anleitung dafür brauchen, wie Sie mit einem eigenen Sachbuch Ihren Ruf garantiert ruinieren, hier ist sie.

  1. Holen Sie sich den unprofessionellen Rat von einer Person, die Ihnen verspricht Ihnen beizubringen, wie Sie in vier Wochen einen Bestseller schreiben, der Ihre Karriere von Null auf eine Million katapultiert.
  2. Schreiben Sie sich dann alles vom Herzen, was Ihnen so einfällt. Dabei ist es egal, ob es irgendwie zum Thema gehört oder nicht, Hauptsache Ihre Stimmung ist gut. Recherche wird eh überbewertet. Erwähnen Sie ruhig mehrmals, wie super Sie es finden, dieses E-Book zu schreiben, während Sie am Strand unter Palmen chillen; was Sie sich jetzt alles leisten können, wovon Sie früher nicht einmal zu träumen gewagt haben; und wie unwahrscheinlich cool und befriedigend es ist, dieses Buch jetzt und hier, unter Palmen oder am Pool, einfach so herunterzuschreiben und das eigene unermessliche und furchtbar wichtige Wissen mit anderen zu teilen, damit auch die bald unter Palmen chillen können.
  3. Teilen Sie das alles ein bisschen in Kapitel ein, auch wenn sich die Inhalte dauernd wiederholen. Das macht gar nichts, im Gegenteil: Ihre Botschaft brennt sich umso besser in das Gedächtnis der Leser_innen ein, wenn Sie in jedem Kapitel etwa zur Hälfte das gleiche schreiben wie im vorigen.
  4. Haben Sie sich alles vom Herzen geschrieben, schreiben Sie eine kurze Inhaltsangabe, die total super klingt. Sie muss den Inhalt nicht wiedergeben. Es reicht schon völlig, wenn sie gefühlt etwas mit dem Inhalt zu tun hat. Sie könnten sie  von einem Bestseller abschreiben – bei dem hat’s ja schon funktioniert. Hauptsache, sie klingt cool, nach echtem Fachbuch und – ganz wichtig! – nach beneidenswert viel Reichtum ohne viel Arbeit.
  5. Dann lassen Sie ein paar gute Freund_innen oder Leute, die Ihnen noch einen Gefallen schulden, zwei, drei Sätze erfinden, wie super das Buch ihrer Meinung nach ist. Dazu müssen die das Buch gar nicht gelesen haben, es reicht, wenn sie ungefähr wissen, worum es darin geht. So machen sie es in den USA ja schließlich auch, oder nicht, nur dass die dafür teuer bezahlen müssen, hihi.
  6. Erstellen Sie auf Anraten des Bestseller-Profis ein paar Arbeitsmaterialien als Freebies, also als kostenlosen Zusatz zum Buch, damit es umso mehr als praxisbezogenes Buch durchgeht. Achten Sie darauf, dass Ihr Logo da irgendwo drauf ist. Alles andere, Inhalte, Rechtschreibung, Layout usw., ist nebensächlich. Es macht auch gar nichts, wenn das Logo viel professioneller aussieht als das Buch. Das wird schon niemand merken.
  7. Laden Sie diese Arbeitsmaterialien auf irgendeiner Website hoch. Die muss nichts mit Ihrem künftigen Bestseller zu tun haben. Auch nicht mit Ihrem Unternehmen. Am besten funktioniert ein Link aus ungefähr 20–30 unzusammenhängenden Buchstaben und Ziffern.
  8. Erstellen Sie auf dieser Website eine Landingpage, wie der Bestseller-Profi es Ihnen vorschlägt, denn Landingpages haben heute schließlich alle, die sind ein absolutes Muss, ist klar. Diese Landingpage muss möglichst lang sein, massenhaft voll schöne Werbesprüche, Vorteile, Aussichten auf Erfolg und Reichtum enthalten, und natürlich Buttons in leuchtenden Farben, sonst wissen die Leute ja nicht, wo sie klicken müssen. Packen Sie ruhig ein Bild von ihrem Chillplatz unter Palmen dazu, für diejenigen, die immer noch nicht begriffen haben, was für supi Erfolgstipps Ihr Buch gibt.
  9. Vergessen Sie nicht das Feld, in das die Leser_innen ihre E-Mail-Adresse eingeben müssen, um an diese Arbeitsmaterialien zu kommen. Das ist aus Sicht des Profis nämlich die beste Möglichkeit, um an deren E-Mail-Adressen zu kommen. Die könnten Sie ja nochmal brauchen, für Werbemails und so.
  10. Wenn der Link, den die Leser_innen dann von Ihnen bekommen, nochmal auf eine völlig andere Website führt, macht das gar nichts. Stellen Sie dann dort jedes Arbeitsblatt einzeln zum Download zur Verfügung, je mehr Blätter desto besser, sollen alle sehen wie viel Arbeit Sie hatten. Geben sie den Blättern möglichst aussagekräftige Namen wie „Arbeitsblatt 1“.
  11. Dann fügen Sie überall dort, wo Sie in Ihrem Buch die Arbeitsmaterialien erwähnen, natürlich den möglichst langen Link aus lauter unzusammenhängenden Buchstaben und Zahlen zu der Landingpage ein, nicht zu den Arbeitsmaterialien. Dass man den Bandwurm abtippen muss, um an die Materialien zu kommen, geschenkt. Schließlich wollen Sie ja die E-Mail-Adressen der Leute einsammeln, das ist viel wichtiger.
  12. Basteln Sie sich nun für Ihr E-Book ein Cover aus einem Foto, das Sie grad neulich in einer total lustigen Session von sich selbst gemacht haben. Nehmen Sie am besten eine Cover-Vorlage irgendwo aus dem Internet oder von dem Profi, der Ihnen beigebracht hat, wie Sie diesen genialen Bestseller in vier Wochen schreiben. Merkt schon niemand, dass es dasselbe Cover ist wie bei Tausenden anderen selbstverlegten Büchern.
  13. Laden Sie das Ganze als E-Book auf amazon.de hoch. Kümmern Sie sich nicht noch um so Unwesentliches wie Korrektorat und Lektorat. Die sind ohnehin viel zu teuer und würden den Buchpreis ja unverhältnismäßig in die Höhe treiben. Außerdem haben Sie ja in der Schule schreiben gelernt. Mit den paar Fehlerchen, die Sie vielleicht machen, werden die Leser_innen schon klar kommen.
  14. Wählen Sie einen Verkaufspreis, der sich mit den Preisen von E-Books aus echten Buchverlagen messen kann. Dadurch erkennen die Leser_innen automatisch wie hochprofessionell Sie sind, da draußen unter den Palmen.
  15. Verändern Sie als nächstes das Cover nochmal, tauschen Sie die Farben aus, wählen Sie ein anderes Foto von sich und ändern Sie den Titel. Dieses Cover nutzen Sie dann für Ihr gedrucktes Buch. Ist viel professioneller, mit verschiedenen Covern zu spielen. Außerdem: Vielleicht kauft ja jemand das Buch doppelt, hihi.
  16. Nehmen Sie nun Ihr E-Book-Manuskript, fügen Sie Seitenzahlen hinzu und machen Sie die Schrift schön groß, denn Amazon druckt ein Buch erst ab einer bestimmten Seitenzahl. Wenn Sie die nicht haben, nehmen Sie einfach eine so große Schriftgröße, dass Sie auf etwa 120 Seiten kommen. So sieht es dann auch für die Leser_innen wie ein echtes Buch aus. Die werden außerdem dankbar sein, dass es nur so ein dünnes Buch ist, denn Fachbücher sind ja oft wuchtige Ziegelsteine. Aber nicht Ihres, hey, alles easy!
  17. Laden Sie das Ganze schließlich bei Amazon hoch, um es dort als gedrucktes Buch zum Verkauf anzubieten.
  18. Setzen Sie den Preis für das gedruckte Buch um 10–50% höher an als den des E-Books. Sie wollen ja etwas verdienen. Ungefähr so machen es die echten Verlage außerdem auch. Und irgendwie muss ja ein Kaufanreiz fürs E-Book da sein, wenn es auch ein gedrucktes Buch gibt.

Wow, jetzt sind Sie endlich Autor_in! Prösterchen, gratuliere! Und dann planen Sie am besten schon mal vor für die Zeit unter Palmen, wo Sie bis in alle Ewigkeit chillen, yay! Weil Sie kein Dach mehr über dem Kopf haben, nachdem Sie Ihren Ruf derart ruiniert haben.

Sie hätten gerne Tipps wie man es richtig macht? Und professionell? Dann blättern Sie sich noch weiter durch das nordsee.text-Magazin, das voller bewährter Praxistipps für Ihren Bucherfolg ist.

 

2 Antworten
  1. Hilke Barenthien says:

    Herzlichen Dank für die sehr praktischen Tipps! Ich denke, das schaffe ich auch ohne „Experten“ ;-) Nein, ernsthaft, irgendwann nehme ich mir die Zeit und schreibe das Buch, welches mir seit fünf Jahren im Kopf rumgeistert. In aller Ruhe, mit Lektorat und Korrektorat und hoffentlich einem Verlag, der das dann auch ordentlich an die Kunden bringt. Ein toller, gut geschriebener Artikel.

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    • Birte Vogel says:

      Danke, Hilke! :-)
      Ja, nimm Dir auf jeden Fall Zeit, um Dein Buch zu schreiben. Das ist immer besser, als es so übers Knie zu brechen wie es mit dem Buch passiert ist, über das ich hier geschrieben habe. Nur lass die Idee nicht zu lange herumgeistern, denn oft schreibt man es dann doch nicht, weil man immer denkt: „Ja, eines Tages!“ oder wartet, bis die Muse endlich mit dem Küssen beginnt. Kennst Du schon meine Arbeitshilfe, mit der Du die herumgeisternde Idee mal ganz konkret ausarbeiten kannst? Wenn Du die durchgearbeitet hast, hast Du auch schon fast alles von dem zusammen, was Du brauchst, um an einen Verlag herantreten zu können. Du kannst sie Dir hier gratis herunterladen.
      Viel Erfolg!

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