Introvertiert oder schüchtern – sollten Sie trotzdem ein Sachbuch veröffentlichen?

Ist das eigene Buch fertig und veröffentlicht, muss man als Autor_in jede Menge Werbung dafür machen. Eine Vorstellung, die für Introvertierte und Schüchterne ein Graus ist. Sollten Sie trotzdem ein Sachbuch veröffentlichen?

Ein Sachbuch herauszubringen bedeutet schließlich nicht nur, die eigene Expertise mit anderen zu teilen, das eigene Wissen weiterzugeben oder neue Thesen zur Diskussion zu stellen. Ganz ähnlich wie auch bei Romanen und Krimis bedeutet es spätestens zum Zeitpunkt der Veröffentlichung mit der Werbung dafür zu beginnen. Denn von selbst werden es die Leser_innen nicht finden können.

Kein Selbstbewusstsein, aber ein Sachbuch veröffentlichen?

Wie soll das aber gehen, wenn man wenig Selbstbewusstsein hat, schüchtern oder introvertiert ist und definitiv kein Gruppentier? Für diese Menschen klingt das Buchschreiben erst einmal ideal: man sitzt über Wochen und Monate alleine im Kämmerlein, niemand darf stören, man kann sich auf diese eine Sache voll konzentrieren, man kann die Worte sorgfältig wählen und man kann das eigene Wissen, die Expertise zeigen, ohne dass man sich vor anderen groß produzieren muss.

Wenn da bloß der ganze Werberummel nicht wäre! Doch ganz ohne Werbung wird es nicht gehen, wenn Sie Ihr Buch unter die Leute bringen wollen. Sollten Sie als Introvertierte_r oder Schüchterne_r dann wirklich ein eigenes Sachbuch veröffentlichen?

Die Antwort ist: Auf jeden Fall!

Meine Antwort ist ein klares Ja! Selbstverständlich sollten Sie! Und warum?

Zum einen braucht die Welt die Stimmen der Leisen, der Zurückhaltenden, heute vielleicht dringender denn je. Die Debatten sollten nicht immer nur von den Selbstdarsteller_innen, den Großmäulern und Besserwisser_innen bestimmt werden. Leser_innen sollten auch die Chance haben, die Sicht derer zu erfahren, die viel genauer zuhören, beobachten, in Ruhe recherchieren, und deshalb oft besser analysieren und beraten können als jene, die mal eben kurz hinhören und sofort einen Beitrag absondern, um halt wieder einmal etwas gesagt zu haben.

Zum anderen gibt es durchaus Wege, wie Sie selbst bei großer Schüchternheit oder Introvertiertheit Ihr Buch vermarkten können. Ich gehöre selbst zu den Introvertierten. Und ich fand es immer sehr schwer, wieder und wieder für mich selbst und meine Dienstleistungen und Bücher trommeln zu müssen. Deshalb kann ich Ihnen u. a. auch aus meiner eigenen Erfahrung heraus raten.

Wie kann das also funktionieren?

1. Wählen Sie Ihre Zielgruppe gut

Nicht immer ist eine riesige Zielgruppe nötig, um ein erfolgreiches Sachbuch zu veröffentlichen. Wenn Sie sich sehr davor scheuen direkt mit einer großen Gruppe Menschen in Kontakt zu treten, dann verkleinern Sie Ihre Zielgruppe. Wählen Sie eine Zielgruppe, die Sie schon gut kennen (z. B. Ihre Patient_innen, Ihre Kund_innen, Ihr Netzwerk). Das heißt nicht, dass auch Menschen außerhalb dieser Zielgruppe Ihr Buch werden lesen wollen, doch können Sie das Marketing erst einmal auf diese kleine, Ihnen schon bekannte Gruppe beschränken. Das gibt ein Gefühl der Sicherheit, denn mit diesen Menschen haben Sie ja auch jetzt schon regelmäßig zu tun.

2. Wählen Sie Ihr Thema klug

Ein marktschreierisches Thema wird von Ihnen verlangen, marktschreierisch Werbung für das Buch zu machen. Ein Buch voller heißer Luft braucht natürlich großes Werbetheater um die inhaltlichen Mängel auszugleichen.

Wählen Sie also stattdessen ein Thema, bei dem Sie mit dem glänzen können, was Sie als Introvertierte_n oder Schüchterne_n neben Ihrer Expertise auszeichnet: Ihre Fähigkeit besser zuzuhören, genauer zu beobachten und dadurch einen viel exakteren Blick auf das Thema zu haben, auf all seine Faktoren, jedes Für und Wider, das alles für ein umfassendes Bild, für praxistaugliche Ratschläge oder nachhaltige Veränderungen relevant ist.

Falls Sie sich noch nicht auf ein Thema, eine Buchidee festgelegt haben, dann habe ich hier ein paar Tipps für Sie: „Die richtige Buchidee für Ihr Sachbuch finden – so geht’s!

3. Arbeiten Sie an Ihrer inneren Kritik

Die Stillen sind oft diejenigen, die am stärksten zweifeln. Die lieber darauf verzichten, etwas öffentlich zu machen, wenn es noch nicht 100%-ig perfekt ist. Ihre innere Kritik ist ständig da, übertönt oft jeden vernünftigen Gedanken und führt dazu, dass das Buchschreiben am Ende doch zwanzig mal länger dauert als geplant. Und vor dem Marketing macht sie natürlich auch nicht halt.

Arbeiten Sie daher von Anfang an daran, die innere Kritik Ihr Selbstbewusstsein immer seltener untergraben zu lassen. Wenn das für Sie alleine zu schwierig wird, lassen Sie sich helfen – von vertrauten Personen, von einer wohlgesonnenen Schreibgruppe oder von einer Coachin. Wie die Ihnen schon beim Schreiben helfen kann, können Sie hier nachlesen: „23 Gründe, warum Ihnen ein Coaching nützen kann, wenn Sie ein Buch schreiben“.

4. Passen Sie Ihre Marketingaktivitäten an

Viele Marketingaktivitäten rund um Bücher beinhalten, dass die Autor_innen sich in aller Öffentlichkeit präsentieren. Wenn Sie aber nicht gut öffentlich sprechen, dann lassen Sie es einfach sein. Die Welt und Ihr Sachbuch werden davon nicht untergehen. Sie müssen sich auch nicht dafür extra coachen lassen oder einem Redeclub beitreten, wenn Ihnen schon beim Gedanken daran die Haare zu Berge stehen.

Die meisten der folgenden Vorschläge konzentrieren sich nicht auf Sie als Person, sondern auf Ihr Thema – dieser Fokuswechsel ist besonders hilfreich für Introvertierte und Schüchterne. Sie müssen also nicht um jeden Preis aus Ihrer Komfortzone ausbrechen. Finden Sie einfach andere Wege für sich, die besser zu Ihnen passen – zum Glück gibt es viele davon. Hier ist eine kleine Auswahl:

  • Erwähnen Sie Ihr Buch auf Ihrer Website, auf Ihren beruflichen Profilen im Internet, in Ihren Unternehmensbroschüren, auf Ihren Flyern und in Ihren Social Media-Profilen. Machen Sie es mindestens hier sehr gut sichtbar, mit Informationen über das Buch (inkl. Preis und Links zu den Verkaufsorten) und einem Bild Ihres Covers.
  • Wenn Ihnen große Events, (Buch-) Messen, Kongresse usw. ein Gräuel sind, dann müssen Sie dort nicht hin, um Ihr Buch zu vermarkten. Wenn Sie Ihre Zielgruppe verkleinert haben, wird die dort vielleicht auch gar nicht präsent sein. Verstärken Sie stattdessen Ihre Präsenz dort, wo Ihre Zielgruppe sich befindet. Kommen Ihre Klient_innen in Ihre Räumlichkeiten, können Sie im Wartezimmer Leseexemplare auslegen und ein Poster dazu aufhängen. Oder gehen Sie zu kleinen Netzwerktreffen und kleinen lokalen Veranstaltungen, Verbands- und Vereinssitzungen, wenn Ihnen das liegt und Ihre Leser_innen dort sind.
  • Vielleicht befindet sich Ihre Zielgruppe aber auch im Internet. Dort können Sie durch ein eigenes Fachblog auf sich aufmerksam machen, das Sie regelmäßig mit Themen aus Ihrem Buch und neuen Erkenntnissen und Erlebnissen bestücken können. Ein solches Blog ist auch eine gute Alternative für jene, die eigentlich gerne Fachartikel in Fach- oder überregionalen Medien schreiben würden, denen aber die Hürde, überhaupt erst einmal an diese Medien heranzutreten, zu groß ist.
  • Bieten Sie einen Newsletter an, in dem Sie Interessantes über Ihr Thema, weitere Tipps und Informationen, neue Angebote aus Ihrem Unternehmen etc. berichten.
  • Veröffentlichen Sie immer mal Whitepaper und E-Books als Zusätze zum Buch, oder auch Arbeitshilfen und Checklisten.
  • Ist Ihre Zielgruppe auch in den Sozialen Medien aktiv, können Sie dort ein Profil anlegen und dann Ihre Artikel bekanntgeben und mit Interessierten diskutieren. Sie können dort auch eine Gruppe zu Ihrem Thema führen oder ein eigenes Forum aufbauen – zumindest wenn Sie willens und in der Lage sind, die Zeit dauerhaft zu investieren und sich intensiv mit den Menschen und ihren Anliegen auseinanderzusetzen (und wahrscheinlich auch mit manch harscher Kritik und unverschämter Äußerung; davon muss man ja leider heute ausgehen).
  • Momentan sind Videos der letzte Schrei. Immer mehr arbeiten mit einem Vlog (Video-Blog), um ihre Produkte zu vermarkten. Das muss aber gar nicht sein. Wenn Ihnen Video nicht liegt, können Sie stattdessen einen Podcast als Marketing-Tool für Ihr Buch starten. Der ist besonders dann hilfreich, wenn Sie einen Ratgeber geschrieben haben oder Ihre Dienstleistung gleich mitvermarkten möchten. Und wenn es doch eher ein oder mehrere Videos sein sollen, dann müssen Sie gar nicht selbst darin auftauchen – oft genügt es, Slides zu nutzen und Ihre Stimme nur als Audio darüberzulegen.
  • Zielen Sie weniger auf große Talkrunden und Talkshows, um Ihre Zielgruppe zu erreichen. Gehen Sie eher 1:1-Interviews an. Insbesondere die, die nicht live sind, sondern vor der Ausstrahlung aufgezeichnet werden. Bitten Sie Zeitungen, die Sie für ein Interview anfragen, Ihnen die Fragen schriftlich zu stellen – so können Sie Ihre Antworten in Ruhe formulieren.
  • Wenn Sie doch einmal einen Vortrag halten möchten, wählen Sie eher Vorträge vor kleinen, ausgewählten Gruppen als auf riesigen Kongressen. Nehmen Sie diesen Vortrag auf Video auf und stellen Sie ihn auf Ihre Website und auf Youtube. Sollten Sie einen TEDx- oder TED-Vortrag halten, können Ihnen die Veranstalter_innen das Video oder einen Link zum Video zur Verfügung stellen.
  • Liegen Ihnen Seminare und Kurse nicht, bieten Sie Einzelgespräche und -Coachings an. Oder bieten Sie Webinare an, bei denen Sie nicht notwendigerweise sichtbar sein müssen. Sie müssen dafür auch gar nicht live gehen, sondern können sie vorab aufzeichnen. Wichtig ist da – wie auch bei den Videos mit Slides –, dass Sie eine sehr gute Präsentation vorbereitet haben und recht flüssig sprechen (was Sie durch ein paar Trainingsstunden lernen können).
  • Und wenn Ihnen all das immer noch zuwider ist, wenn Sie sich auch nicht mit Hilfe eines Coaching überwinden möchten, dann haben Sie immer noch die Möglichkeit, jemanden für Ihr Buchmarketing zu bezahlen. Das wird Sie möglicherweise nicht ganz vor Interviews etc. bewahren, doch es reduziert die Menge der nötigen öffentlichen oder halböffentlichen Auftritte. Sie können auch zu Seminaren, Kursen und Talks eine Assistenz, eine Kollegin oder eine andere vertraute Person mitnehmen, die Sie durch ihre Anwesenheit und tatkräftige Hilfe unterstützt, die aufpasst, dass Sie sich nicht doch einmal verausgaben, und die Ihnen Sicherheit gibt.

Bleiben Sie bei sich und verstecken Sie sich nicht

Ja, ich weiß, das klingt nach einem Gegensatz. Aber mit „verstecken Sie sich nicht“ meine ich, dass Sie ruhig offen damit umgehen können, dass Sie zurückhaltend sind. Sie werden überrascht sein, wie viele Menschen dankbar sind zu erfahren, dass sie nicht die einzigen sind, die vor Menschenmassen zurückschrecken, höllisch nervös sind oder sich nicht dauernd selbst in den Mittelpunkt stellen wollen.

Bleiben Sie bei sich – lassen Sie sich nicht zu Dingen überreden, die Ihnen widerstreben. Sicher, es kann ganz überraschend positive Effekte haben, die eigene Komfortzone zu verlassen. Probieren Sie es vielleicht einmal aus. Das sollte aber kein Muss sein. Das einzige Muss sollte für Sie sein, dass es Ihnen damit gut geht. Denn nur, wenn Sie sich mit einer Maßnahme wohlfühlen, können Sie Ihr Thema, also auch Ihr Buch, glaubwürdig und gut vertreten.

 


P. S.: Wenn Sie das noch nicht so recht überzeugen mag, hilft Ihnen vielleicht mein Artikel „Ihr Sachbuch selbst veröffentlichen? … Trauen Sie sich!