Die innere Kritik ist einer der Hauptgründe, warum so viele Bücher nie fertig geschrieben werden. Irgendetwas gibt es immer am Text zu nörgeln – auf Dauer vergeht dabei natürlich die Lust am Schreiben. Ich habe ein paar Tipps für Sie, wie Sie die innere Kritik loswerden und endlich befreit weiterschreiben können.

Für viele Autor_innen ist die innere Kritik das größte Übel überhaupt, denn sie hindert sie daran, einfach drauflos zu schreiben, in einen Flow zu kommen, in dem ihnen die Wörter nur so aus den Fingern fließen. Und sie hindert sie daran, wirklich Spaß am Schreiben zu haben. Dank ihr wird das Schreiben manchmal zur Mammut- und ungeliebten Pflichtaufgabe.

Doch ist nicht jede innere Kritik von der Art, die man loswerden sollte. Sie kann ein sehr wertvolles Werkzeug sein, das man nur, wie alle Werkzeuge, erst einmal beherrschen lernen muss. Man muss lernen wie man es einsetzt, wann man es einsetzt und wann besser nicht.

Nur, wenn man nicht weiß, wie man mit diesem Werkzeug richtig umgeht, kann es Schäden anrichten, manchmal auch dauerhafte. Viele Unternehmer_innen geben das Schreiben dann auf, weil sie die innere Kritik einfach nicht in den Griff bekommen.

Wie also können Sie die innere Kritik loswerden?

Sie ganz loszuwerden möchte ich Ihnen nicht empfehlen. Denn das Genörgel in Ihrem Kopf kann Sie vor manchem Fehler bewahren, der Sie womöglich viel Zeit und Geld, vielleicht auch Ihren guten Ruf, gekostet hätte. Denn es ist ja nicht grundsätzlich alles falsch, was die innere Kritik Ihnen dauernd einflüstert. Manches hat durchaus seine Berechtigung.

Aber damit das Genörgel nicht in Schimpfkanonaden ausartet und zerstörerische Wirkung entfalten kann, sollten Sie ein paar Dinge beachten.

Machen Sie sich die innere Kritik bewusst

Bislang werden Sie wahrscheinlich ganz automatisch reagiert haben, wenn die innere Kritik Ihnen sagt: Was hast du denn jetzt schon wieder für einen Unsinn geschrieben? Das klingt ja grauenhaft! Womöglich haben Sie dann entweder den letzten Satz, für den Sie zwei Stunden gebraucht haben, oder den Absatz oder gleich das ganze Kapitel wieder gelöscht oder es alles noch einmal von vorne überarbeitet. Und noch einmal und noch einmal. Dass man so nicht einmal die erste Fassung fertig bekommt, ist einleuchtend.

Versuchen Sie deshalb, nicht mehr automatisch zu reagieren. Das können Sie schaffen, indem Sie es sich bewusst machen, wenn die innere Kritik Sie unterbricht. Bedienen Sie sich dafür eines genialen Tricks aus der Meditationspraxis. Achten Sie genauer auf das, was beim Schreiben in Ihnen vor sich geht. Nörgelt wieder etwas im Hinterkopf herum, nehmen Sie es erst einmal nur wahr und geben Sie ihm gedanklich das Label „Kritik“. Tun Sie nichts weiter, bewerten Sie es nicht, reagieren Sie nicht wie sonst darauf, sondern denken Sie sich nur: Kritik.

Lassen Sie die Kritik vorbeiziehen

Haben Sie sich die Kritik auf diese Weise bewusst gemacht, dann lassen Sie sie vorbeiziehen. Auch das ist ein Trick aus der Meditationskiste, der sehr hilfreich ist: Stellen Sie sich die Kritik vor wie eine Wolke am Himmel. Sie kommt aus irgendeiner Richtung, manchmal scheinbar aus dem Nichts. Dann bleibt sie eine Weile über Ihnen hängen, verdeckt vielleicht die Sonne, aber am Ende zieht sie weiter, jedesmal. Sie weichen ihr aber nicht aus, während sie über Ihnen hängt. Normalerweise nimmt man die paar Sekunden oder Minuten Schatten ja einfach hin und macht mit dem weiter, was man gerade tut.

Betrachten Sie deshalb Ihre innere Kritik wie eine solche Wolke. Sie wissen, dass sie zwar aus dem Nichts plötzlich da ist, dass sie Ihre Schreibarbeit vielleicht kurz überschatten wird, dass sie aber auch wieder weggeht. Lassen Sie sie dann einfach ziehen. Bemerken Sie sie (Kritik!), und lassen Sie sie gehen.

Unterbrechen Sie die Diskussion im Hinterkopf

Klappt das noch nicht so ganz mit dem Ziehenlassen, und stellen Sie fest, dass die aktuelle Kritik, die Sie beim Schreiben unterbrechen will, einem alten zerstörerischen Muster folgt, das Sie verinnerlicht haben, und auf das Sie sofort anspringen, dann bringen Sie sie zum Schweigen.

Dazu können Sie sich tatsächlich sagen: Lass mich in Ruhe, ich will jetzt nur schreiben!, und dann konzentrieren Sie sich wieder auf Ihren Text. Vielleicht kommen Sie sich am Anfang dabei albern vor, und es wird vielleicht auch nicht sofort und jedesmal zur ersehnten Ruhe im Kopf kommen. Mit der Zeit aber werden Sie merken, dass es Erfolg hat.

Genügt Ihnen das aber nicht oder funktioniert es auf diese Weise partout nicht, dann schaffen Sie sich ein anderes Ritual, das Sie in diesen Momenten wiederholen – z. B. ein Gummiband am Handgelenk, das Sie zupfen, wenn Sie merken, dass Sie gerade wieder automatisch auf diese Kritik reagieren wollen. Vielleicht kann Sie der kleine Schnips auf der Haut auf Dauer aus diesem Automatismus herausholen.

Wiederholen Sie dieses kleine Ritual immer dann, wenn Sie die innere Kritik wahrnehmen, dann werden Sie sie eines Tages nicht mehr aktiv verscheuchen müssen. Dann können Sie einfach weiterschreiben, weil Sie, wie im vorigen Absatz beschrieben, ganz entspannt abwarten können, bis sie still ist, denn Sie wissen: Sie zieht wie immer weiter.

Grüne Dünen, weißer Sand, in den Dünen der kleine Leuchtturm, das Quermarkenfeuer, darüber ein blauer Himmel mit wenigen Wolken. Darüber ein Banner mit dem Text: „Sie möchten ein Sachbuch schreiben? Holen Sie sich jetzt fachkundige Unterstützung dafür!“ und ein Link zu Informationen über mein Coaching-Angebot. Foto: Birte Vogel

Üben Sie das, solange Sie Ihre erste Fassung schreiben

Diese ersten drei Schritte sollten Sie beim Schreiben Ihrer ersten Fassung üben. Denn diese Fassung muss gar nicht perfekt werden. Selbst wenn Sie glauben, dass Sie die erste Fassung ganz perfekt geschrieben haben, werden Sie sie am Ende dennoch mindestens einmal, meistens mehrmals überarbeiten müssen. Die erste Fassung auf Anhieb druckreif schreiben zu wollen, kostet Sie nur unnötig viel Zeit. Mehr dazu können Sie in meinem Artikel „Müssen Sie druckreif schreiben können, um ein Buch zu schreiben?“ nachlesen.

Üben Sie deshalb wieder und wieder die innere Kritik weiterziehen zu lassen oder sie zum Schweigen zu bringen. Klappt es mal nicht, ärgern Sie sich nicht – Ärger kostet viel zu viel Kraft und bringt Sie vom Schreiben ab. Akzeptieren Sie es wie es ist, bewerten Sie nichts, und schreiben Sie einfach weiter. Beim nächsten Mal klappt es dann vielleicht schon besser. Oder beim übernächsten Mal. Oder beim überübernächsten.

Schauen Sie sich die Kritik genauer an

Sind Sie bereits beim Überarbeiten der ersten oder einer späteren Fassung, ist die Kritik, die sich in Ihnen regt, nicht immer überflüssig. Halten Sie deshalb inne, schauen Sie sie sich an, und bevor Sie automatisch darauf reagieren, treten Sie innerlich einen Schritt zurück, überprüfen Sie, ob wirklich etwas dran ist an dem Genörgel, oder ob es Sie einfach nur beim Schreiben unterbrechen und heruntermachen will.

Oft ist es nämlich gar nicht auf Sie selbst oder auf die tatsächliche Qualität Ihres Textes zurückzuführen, sondern auf äußere Faktoren. Die können u. a. mit unserer Tagesform zu tun haben, aber auch damit wie wir erzogen wurden, wie viel Selbstvertrauen uns von Kindheit an auf den Weg gegeben wurde, wie wir heute in der Gesellschaft und in unserem Umfeld angenommen (oder kritisiert) werden und wie sich unser Selbstvertrauen in den letzten Jahren und Jahrzehnten hat entwickeln können.

Diese Form der Kritik basiert also oft auf negativen Ansichten und Urteilen anderer über Sie, die Sie verinnerlicht haben, selbst wenn diese Ansichten und Urteile gar nicht zutrafen. Doch hat diese Kritik leider die Fähigkeit zur Mimikry, also dazu, sich der berechtigten Kritik anzupassen und so zu tun als sei sie ebenfalls berechtigt. Das macht es für uns so schwer, sie von der berechtigten zu unterscheiden und uns von ihr zu lösen, nicht mehr auf sie zu reagieren.

Beobachten Sie deshalb genau, was vor sich geht. Machen Sie sich bewusst, ob es sich um ernstzunehmende Kritik handelt oder ob sie eher in die Mimikry-Rubrik gehört. Denn, wenn Sie den Unterschied erkennen und nicht mehr automatisch reagieren, werden Sie befreit schreiben können.

Holen Sie sich konstruktives Feedback

Haben Sie die innere Kritik einigermaßen im Zaum, wollen aber doch lieber sichergehen, dass das, was Sie schreiben, nicht völliger Unsinn und an Ihrer Zielgruppe vorbei geschrieben ist, dann sollten Sie sich konstruktives Feedback einholen. Wählen Sie dazu eine Person, der Sie vertrauen, und deren Kritik Sie akzeptieren können, ohne sich verletzt zu fühlen, und von der sie der Ansicht sind, dass ihre Kritik wirklich hilfreich ist. Das kann jemand aus Ihrem privaten Umfeld sein, aus einer Schreibgruppe oder auch ein_e Schreibcoach_in.

Betrachten Sie die innere Kritik als Werkzeug

Denken Sie daran: Die innere Kritik ist ein Werkzeug, das Sie vor Fehlern bewahren kann. Doch kann das Werkzeug auch Schaden anrichten, wenn Sie nicht wissen, wie man es richtig handhabt. Deshalb sollten Sie den Umgang mit der inneren Kritik, der realen wie der Mimikry, genauso üben wie den Umgang mit einem Hobel oder einem Schlagbohrer.

Es mag eine Weile dauern, bis Sie die Basisfunktionen dieses Werkzeugs beherrschen. Doch das ist ja bei allen anderen Dingen, die wir neu lernen, genauso. Haben Sie also Geduld mit sich selbst. Wenn Sie dran bleiben und weiter üben, dann werden Sie die konstruktive innere Kritik erst bei der Überarbeitung zu Wort kommen lassen. Und die zerstörerische innere Kritik werden Sie tatsächlich eines Tages los sein, denn Sie werden sie einfach ganz entspannt weiterziehen lassen.

 

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