Weihnachtsbaum mal anders: der kenkenbuum

Fünf bis zehn Jahre lang wächst eine Tanne im Durchschnitt, bis sie als toter Weihnachtsbaum, begraben unter traurigem Lametta, bei uns im Zimmer steht und uns besinnlich machen soll. Jedes Jahr frage ich mich: muss das sein? Wie wär’s denn mal mit einem traditionsreichen Ersatz: Weihnachtsbaum mal anders – der kenkenbuum!

Kenkenbuum – nordfriesischer Weihnachtsbaum (Foto: Föhrer Werkstätten)

Weihnachtsbaum mal anders: der nordfriesische kenkenbuum (Foto: Föhrer Werkstätten)

Auf den nordfriesischen Inseln wuchsen keine Tannen, das Geld war meist knapp, aber Weihnachten feierten die Menschen dort natürlich auch. Deshalb gibt es hier als Weihnachtsbaumersatz traditionell den kenkenbuum (auf Sylter Friesisch „jöölboom“, auf Halligfriesisch „kinkenbuum“). Der kenken, der Weihnachtsmann, brachte ihn an Heiligabend in die Häuser¹. Früher wurde er aus Treibholz gefertigt, heute wird frisches Holz verwendet. Aber anders als bei der weit verbreiteten heutigen Weihnachtsbaum-Tradition ist der kenkenbuum wiederverwendbar, Jahr für Jahr.

„Kenkenbuum“ ist Amrumer und Föhrer Friesisch. Beide Dialekte, Öömrang und Fering, gehören zur nordfriesischen Sprache, die laut Unesco stark gefährdet ist. „Stark gefährdet“ heißt, so die Unesco: die Sprache wird von den Großeltern und älteren Generationen noch gesprochen. Die Elterngeneration versteht sie noch, aber sie spricht sie nicht mehr, weder untereinander noch mit den Kindern.

Doch es gibt Bemühungen, die Sprache zu erhalten. Mit dem Friesisch-Gesetz hat die Schleswig-Holsteinische Landesregierung 2004 das Friesische zur zweiten Amtssprache neben Hochdeutsch ernannt. Für Schulen hat sie einen Leitfaden für den Friesisch-Unterricht herausgegeben. In der „Öömrang Skuul“ auf Amrum, beispielsweise, wird Friesisch bis zur 6. Klasse gelehrt. Und die Orte haben zweisprachige Ortsschilder.

Spracherhalt, Traditionspflege und Unterstützung behinderter Menschen

Aber zurück zum Weihnachtsbaum. Ein echter kenkenbuum setzt sich aus mehreren Teilen zusammen: einem Holzständer, Buchsbaum oder Kiefernzweigen und Figuren aus Salzteig, dem kenkentjüch. Hier und da wurden noch Äpfel und Ketten aus Rosinen oder getrockneten Pflaumen dazugehängt.

 


 


Das kenkentjüch besteht aus Eva und Adam unterm Apfelbaum, Segelschiff und Mühle (stehen für Seefahrt und Ackerbau) sowie Pferd, Rind, Schwein, Schaf, Huhn und Fisch. Es ist wohl nicht genau überliefert, welche Bedeutung diese Dinge im Zusammenhang mit dem kenkenbuum haben. Möglicherweise stellen sie dar, was auf den Inseln früher zum Überleben wichtig war und könnten, wie das Nordfriisk Instituut schreibt, Glückssymbole für das kommende Jahr sein. Tiere und Obst könnten ebenso auf vorchristliche Opfergaben hindeuten.

Diese alte Tradition wird bis heute auf den nordfriesischen Inseln fortgeführt. So steht der kenkenbuum nicht nur für Weihnachten, sondern er symbolisiert auch den Willen der Nordfries_innen zum Spracherhalt, zur Traditionspflege und leistet gleichzeitig einen Beitrag zur Unterstützung der Arbeit mit behinderten Menschen.

Wenn Sie nämlich jetzt Ihren Weihnachtsbaum durch einen echt friesischen, wiederverwendbaren kenkenbuum, jöölboom oder kinkenbuum ersetzen möchten, können Sie ihn fertig geschmückt oder in Einzelteilen (aus Holz) bei den Föhrer Werkstätten bestellen. Damit unterstützen Sie die Arbeit dieser Werkstatt für behinderte Menschen. Möchten Sie lieber kenkentjüch aus Salzteig haben und sind gerade auf den Inseln, fragen Sie in den Bäckereien nach – manche haben es vor Weihnachten im Angebot.

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¹ Gefunden in: „Die Friesen verstehen. Das kleine Handbuch für Nordfriesland“ von Antje Arfsten, Thomas Steensen und Wendy Vanselow. Ellert & Richter Verlag 2013. Ein sehr empfehlenswertes Buch mit vielen interessanten Details zum friesischen Leben und den Dialekten.

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